Die Auszeit, die keine war
Vier freie Tage, keine Termine, genug Schlaf — und trotzdem das Gefühl, dass die Auszeit nicht angekommen ist. Nicht weil sie zu kurz war, sondern weil etwas in uns nicht aufhören kann. Was passiert, wenn man eine Schicht tiefer schaut, als das Offensichtliche zeigt, und dort einen Satz findet, der schon lange darüber bestimmt, ob wir uns Ruhe erlauben dürfen.
Vier freie Tage, keine Termine, genug Schlaf, vielleicht sogar ein gutes Buch auf dem Nachttisch — alles da, was es zum Auftanken braucht. Und trotzdem sitzt du am ersten Arbeitstag danach an deinem Schreibtisch und spürst, dass es nicht gereicht hat. Nicht, weil die Auszeit zu kurz war, sondern weil sie irgendwo versickert ist, bevor sie bei dir ankommen konnte.
Du hast versucht, zur Ruhe zu kommen, und irgendwann gemerkt, dass du vor allem darauf wartest, dich besser zu fühlen, als wäre Erholung etwas, das von selbst einsetzt, wenn man nur lang genug stillhält. Aber irgendwo in dir ist etwas, das nicht aufhören kann — du stehst auf, räumst etwas weg, suchst dir die nächste Beschäftigung, und merkst erst abends, dass du den ganzen freien Tag nicht eine Stunde wirklich gesessen hast.
So wird jede Auszeit zu einer weiteren Aufgabe, die du nicht richtig erledigst.
So ähnlich erging es auch Paul. Als er an einem Donnerstagabend zum Telefon-Coaching kam, klang seine Stimme nicht aufgelöst oder verzweifelt, sondern flach, wie jemand, der schon lange nicht mehr erwartet, dass sich etwas ändert.
Er erzählte von den Ostertagen. Vier freie Tage, er hatte sich darauf gefreut, hatte nichts geplant, wollte einfach mal nichts müssen. Aber statt zur Ruhe zu kommen, habe er sich dabei beobachtet, wie er von einer Sache zur nächsten griff. Am zweiten Tag die Küche, am dritten der Keller, am vierten habe er die Fahrräder geputzt und die Terrasse gefegt, obwohl beides nicht nötig war. Nicht weil es dringend gewesen wäre, sondern weil das Stillsitzen sich falsch anfühlte, wie etwas, das er sich noch nicht verdient hatte.
Er sagte, er kenne das. Er wisse, dass er Auszeiten brauche, und er nehme sie sich auch, aber sie kämen nie bei ihm an. Er habe darüber nachgedacht, mit Freunden gesprochen, und alle sagten dasselbe: Du musst einfach mal loslassen. Er atmete hörbar aus und sagte dann, leiser als vorher: Vielleicht bin ich einfach jemand, der nicht aufhören kann, solange noch etwas offen ist.
Wir stimmten uns kurz ab, und dann stellte ich meine Frage ans morphische Feld.
Im Laufe der Lesung kristallisierte sich ein Satz heraus: Ich darf mich erst ausruhen, wenn ich alles erledigt habe. Ich bat Paul, den Satz einmal laut auszusprechen und mir zu sagen, was er mit ihm macht. Paul wiederholte die Worte, langsam, und es wurde still am anderen Ende der Leitung. Dann sagte er, mit einer Stimme, die zum ersten Mal an diesem Abend nicht flach klang, sondern dünn: „Das ist nicht nur ein Gedanke. Das ist die Spielregel, nach der ich lebe, seit ich denken kann.“
Ich fragte Paul, ob er bereit sei, eine Willenserklärung zu sprechen, Sätze, die eine bewusste Entscheidung in Worte fassen und die ich für ihn formen würde. Die Worte dürften sich ungewohnt anfühlen, das sei normal.
Paul schwieg einen Moment, nicht weil er zögerte, sondern weil er den Satz, den er gerade ausgesprochen hatte, noch einmal wirken ließ, bevor er den nächsten Schritt ging. Dann sagte er: Ja.
Ich gab ihm die Sätze der individuellen Willenserklärung vor, einen nach dem anderen, und Paul sprach jeden einzelnen nach. Seine Stimme veränderte sich dabei, sie wurde tiefer und ruhiger, als würde etwas in ihm nachlassen, das sich lange zusammengehalten hatte.
Nachdem Paul den letzten Satz gesprochen hatte, blieb es einen Moment still. Dann sagte er, leiser als vorher: „Aber da ist noch etwas. Es geht nicht nur darum, dass ich erst alles erledigen muss. Es ist eher so, als hätte ich Ruhe grundsätzlich nicht verdient.“
Ich hörte es, und ich kannte diesen Moment, wenn nach der ersten Willenserklärung die Schicht darunter sichtbar wird, weil der Satz darüber nicht mehr im Weg steht. Ich fragte Paul, ob er bereit sei, auch für diesen Satz eine Willenserklärung zu sprechen. Er sagte sofort ja.
Die zweite Willenserklärung war gefühlt kürzer, und Paul sprach die Sätze schneller nach, als wüsste er diesmal schon, wohin sie führen. Sein Atem wurde langsamer, gleichmäßiger, und am Ende hörte ich etwas, das vorher nicht da war: Stille, die nicht leer klang, sondern ruhig.
Dann sagte Paul, bestimmt und ohne zu fragen: „Ich darf zur Ruhe kommen. Nicht weil ich es mir verdient habe, sondern weil es mir zusteht.“
Bei einer anderen Gelegenheit berichtete Paul mir, dass er an einem Sonntagmorgen auf der Terrasse gesessen habe, mit einer Tasse Kaffee, ohne etwas vorzuhaben. Irgendwann sei ihm aufgefallen, dass er seit über einer Stunde einfach nur dasaß, ohne innere Unruhe, ohne die Stimme, die ihm sagte, was noch zu tun wäre. Er habe nicht auf Erholung gewartet. Er habe sie nicht gebraucht, weil die Ruhe schon da war.
Paul hatte sich jahrelang gewundert, warum Auszeiten bei ihm nicht ankamen, und er hatte es auf die Umstände geschoben, auf zu viel Arbeit, auf zu wenig Zeit, auf die falsche Art von Urlaub. Was sich in unserer gemeinsamen Arbeit zeigte, lag tiefer: Es war nicht die Auszeit, die nicht funktionierte, sondern ein alter Satz, der Ruhe an eine Bedingung knüpfte, die nie erfüllt sein konnte. Und darunter noch einer, der leiser war und grundsätzlicher: dass ihm Ruhe grundsätzlich nicht zustand.
Manchmal liegt das, was uns erschöpft, nicht in dem, was wir tun, sondern in dem, was wir uns nicht erlauben. Vielleicht erkennst du dich darin wieder.
Wenn Auszeiten nicht ankommen
Wenn du spürst, dass hinter deiner Erschöpfung etwas anderes liegt, musst du diesen Weg nicht allein gehen.
In einer kostenfreien Probelesung im morphischen Feld schauen wir gemeinsam, was dich daran hindert, wirklich zur Ruhe zu kommen, und was sich verändern darf, damit Erholung bei dir ankommt.
Manchmal beginnt Veränderung damit, dass jemand die richtige Frage stellt und du den Mut hast hinzusehen.
Wenn du beim Lesen dieser Geschichte etwas gespürt hast, das dir bekannt vorkommt, kannst du die folgenden Sätze für dich sprechen, leise oder laut. Es ist eine einfache Willenserklärung, die du jederzeit für dich nutzen kannst. Sie unterscheidet sich von der individuellen Willenserklärung, die ich gemeinsam mit Paul gesprochen habe, darin, dass sie allgemeiner gehalten ist. Doch auch sie kann etwas in Bewegung bringen. Sprich die Sätze langsam, und spüre nach, was sie mit dir machen.
Wenn du die erste Willenserklärung gesprochen hast und spürst, dass darunter noch etwas liegt, ein Gefühl, das tiefer geht als die Bedingung, vielleicht der Gedanke, dass du Ruhe grundsätzlich nicht verdient hast, dann kannst du auch für diesen Satz eine Willenserklärung sprechen:
Franks Gedanken dazu
Was Paul erlebt hat, zeigt etwas, das ich in meiner Arbeit immer wieder sehe: Dass der schwierigste Moment nicht der ist, in dem wir erschöpft sind, sondern der, in dem wir uns eingestehen, dass wir uns Ruhe nicht erlauben. Wenn dieser Satz sich auflöst, heißt das nicht, dass die Aufgaben liegenbleiben. Es heißt, dass der Zwang wegfällt. Die Dinge werden weiterhin getan, aber nicht mehr aus dem Gefühl heraus, sich erst verdienen zu müssen, was danach kommt. Und genau das macht es leichter. Selbstverantwortung wird dort sichtbar, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu arbeiten. Das verändert nicht alles auf einmal. Aber es verändert das Entscheidende.
Und drei Fragen, die ich dir mitgebe:
Was ist deine Erkenntnis darüber, wie du bisher mit Ruhe und Auszeiten umgegangen bist?
Was lernst du dadurch über die Bedingungen, die du an deine eigene Erholung knüpfst?
Was wird möglich, wenn du dir Ruhe erlaubst, ohne sie dir vorher verdienen zu müssen?
Liebe Grüße,
Frank
Häufige Fragen
Was, wenn beim Sprechen der Willenserklärung keine Gefühle hochkommen?
Das kann zweierlei bedeuten. Manchmal stimmt man dem Glaubenssatz so selbstverständlich zu, dass kein Gefühl aufkommt, weil er sich einfach richtig anfühlt. Das ist kein Problem, sondern eine Bestätigung, dass der Satz bei dir wirkt. Manchmal hält man aber auch unbewusst alles zurück, weil man nicht hinschauen will. In beiden Fällen gilt: Sprich die Willenserklärung trotzdem zu Ende. Sie wirkt mit Gefühl und ohne.
Wirkt die Willenserklärung auch, wenn ich dabei nichts Besonderes spüre?
Ja. Die Willenserklärung ist keine Gefühlsübung. Sie ist eine bewusste Entscheidung in Sprache. Manche Menschen spüren sofort etwas, andere erst Tage später, wieder andere bemerken die Veränderung im Alltag, ohne sie einem bestimmten Moment zuordnen zu können. Entscheidend ist, dass du die Worte sprichst, nicht was du dabei fühlst.
Ich fühle mich schuldig — obwohl alle sagen, dass ich nichts falsch gemacht habe. Ist das normal?
Ja, und es ist häufiger als du denkst. Schuldgefühle folgen nicht der Logik. Sie entstehen aus tief verankerten Überzeugungen, die unabhängig davon aktiv bleiben, was du weißt oder dir erklärst. Das Gefühl ist kein Zeichen dafür, dass du wirklich schuld bist — sondern ein Hinweis darauf, dass da etwas tiefer sitzt und gehört werden will.
Ist die Willenserklärung nicht einfach nur Einreden — Autosuggestion?
Autosuggestion versucht, etwas schönzureden. Die Willenserklärung tut das Gegenteil: Sie benennt zuerst, was da ist — den Glaubenssatz, die Überzeugung, das Gefühl — und trifft dann eine bewusste Entscheidung. Es geht nicht darum, sich etwas vorzumachen, sondern darum, wirklich zu wählen.
Bedeutet das, dass ich irgendwann keine Schuldgefühle mehr haben werde?
Leichtigkeit bedeutet nicht, dass du nie mehr etwas fühlst. Sie bedeutet, dass du nicht mehr automatisch reagierst — dass du wieder wählen kannst, wie du mit dem umgehst, was in dir vorgeht. Annika hat nicht aufgehört zu fühlen. Sie war einfach wieder frei, da zu sein.
Und wenn du gerade an jemanden denkst, dem meine Beiträge gefallen könnten, sende gerne diesen Link:
https://www.dasmorphischefeldlesen.de/blog-wege-in-die-leichtigkeit
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