Erschöpfung, die sich nicht zeigen soll — und es trotzdem tut
Eine Schulter, die sich wieder hochzieht. Ein Atem, der flach geworden ist. Eine Erschöpfung, die da ist und nicht da sein soll. Annika hat das längst verstanden. Trotzdem lässt es sie nicht los. Was passiert, wenn im morphischen Feld sichtbar wird, was wirklich unter dem Funktionieren liegt, und welche Entscheidung dann möglich wird.
Es gibt diesen Moment am Tag, an dem dir bewusst wird, dass deine Schultern (mal wieder) nach oben gezogen sind. Du senkst sie. Eine Stunde später sind sie wieder dort, ohne dass du es bemerkt hättest. Und seit wann eigentlich machst du das mit ihnen — oder sie mit dir.
Es ist die Mail, die du noch schnell beantwortest, bevor du das Licht ausmachst. Es ist die Liste, die du im Kopf durchgehst, während du dir die Zähne putzt. Es ist der Moment im Auto, bevor du die Tür öffnest, wenn du dich kurz noch sammelst, bevor du als die hineingehst, die dich drinnen brauchen.
Du kennst das. Du nimmst die Erschöpfung wahr, du verstehst sie, du benennst sie sogar gegenüber dir selbst, an guten Tagen mit einer gewissen Ironie. Und du machst es trotzdem.
Warum du nicht abschalten kannst, obwohl du es weißt
So erging es auch Annika. Es gab einen Vormittag, an dem etwas in ihr aufmerksam wurde.
Sie war am Schreibtisch im Homeoffice, vor ihr ein Dokument, an dem sie seit halb sieben saß, der Kaffee war schon der zweite. Eine Sitzung um neun, eine um halb elf, dazwischen ein voller Posteingang, der sich nicht leerte, weil immer schneller Neues kam, als sie wegklicken konnte. Sie schrieb einen Satz, las ihn, strich ihn wieder. Irgendwann legte sie die Hände in den Schoß und merkte, dass ihre rechte Schulter so hoch war, dass es zog, bis in den Kiefer hinein. Sie senkte sie. Eine halbe Minute später war sie wieder oben, ohne dass Annika es bemerkt hätte.
Annika kannte das, und sie wusste auch, dass sie es kannte. Was an diesem Vormittag dazukam, war der Moment, in dem es zog. Nicht ein Stechen, nicht ein Alarm, sondern ein Ziehen, ruhig, geduldig, das nicht aufhörte, als sie aufstand, sich ein Glas Wasser holte und sich wieder hinsetzte. Annika spürte das. Sie hatte es schon oft gespürt. Sie hatte sich nur angewöhnt, dem keine Aufmerksamkeit zu schenken — wie man ein Telefon klingeln lässt, wenn man gerade nicht reden kann. Diesmal verstummte es nicht. In der Pause zwischen den beiden Sitzungen dachte sie an mich. Sie nahm sich vor, mich bei nächster Gelegenheit anzurufen.
Ein paar Tage später war sie am Telefon. Ihre Stimme war ruhig, ein wenig leiser als sonst. Sie erzählte mir vom Vormittag am Schreibtisch, vom Posteingang, der nicht leer wurde, von der Schulter, die wieder oben war, bevor sie es gemerkt hatte. Dann eine Pause. „Mein Körper macht das schon eine ganze Weile, Frank", sagte sie. „Und ich spür's auch, jedes Mal. Ich übergehe es einfach. An dem Vormittag war da was, das ich nicht mehr übergehen konnte." Wieder still. „Ich weiß ja, dass es so ist. Und ich…" Annika hielt kurz inne. „Ja. Mehr ist da gerade nicht."
Warum dein Körper nicht zur Ruhe kommt
Annika wurde noch einmal still, dann sprach sie weiter. „Ich kann das nicht abstellen, Frank." Eine kurze Pause. „Es geht einfach weiter."
„Lass mich kurz zusammenfassen, was ich höre", sagte ich. „Dein Körper meldet sich. Manchmal nimmst du es wahr, manchmal nicht. Und wenn du es wahrnimmst, wendest du dich ab und tust weiter, was zu tun ist. Das ist nicht erst seit dieser Woche so. An dem Vormittag war es der Moment, in dem du es nicht mehr übergehen konntest." „Ja", sagte Annika. „Genau so."
„Okay, dann stelle ich mal die Frage ans Feld", sagte ich. „Was möchte das Ziehen in Annikas rechter Schulter ihr zeigen?" Es brauchte einen Moment.
„Was ich da sehe", sagte ich, dann hielt ich inne und suchte einen Augenblick nach dem richtigen Wort. „Ist müde. Schon eine ganze Weile. Eine Erschöpfung in dir, der du einen Auftrag gegeben hast, dass sie sich nicht zeigen soll. Dein Körper nimmt an, dass du sonst nicht mehr durch den Tag kämst, und so hält er dich oben. Das Ziehen in deiner Schulter ist die Arbeit, die er dafür leistet."
Annika war eine Weile still. „Ja", sagte sie dann, leise. „So habe ich das noch nie gesehen." Sie sagte nichts weiter. Es klang, als suche sie nach Worten, und als gäbe es noch keine.
Eine Weile blieb es still. Dann sagte ich: „Spür mal in dich rein. Was macht das mit dir?" Annika brauchte einen Moment. „Da ist Druck", sagte sie. „Oben im Brustkorb. Und eine Enge im Hals."
Ich wartete. Annika brauchte einen Moment, dann atmete sie aus.
„Wenn du willst, sprechen wir dazu jetzt eine Willenserklärung." „Ja", sagte sie. „Ich will das."
Ich sprach die Sätze der Willenserklärung zu dieser Erschöpfung, die sich nicht zeigen soll, damit alles wie immer weiterläuft vor, langsam, und Annika sprach sie nach, erst zögernd, dann ruhiger werden.
„Atme mal tief durch", sagte ich. Annika atmete einmal lang aus. Eine Weile war es still. Dann sagte ich: „Und jetzt sag mir, was nimmst du jetzt im Körper wahr?" Annika brauchte einen Moment. „Ruhiger", sagte sie. „Der Druck im Brustkorb ist weg. Mein Atem ist tiefer." Eine kurze Pause. „Es fühlt sich freier an. Und gleichzeitig fremd. Ich kenne das so noch nicht."
Eine Weile war es still. „Lass es einfach mal auf dich wirken", sagte ich. „Beobachte deinen Körper in den nächsten Tagen — ohne zu prüfen, ohne zu werten. Schau, was sich von selbst zeigt."
Wir blieben noch eine Weile am Telefon. Dann verabschiedeten wir uns. Ein paar Tage später schrieb mir Annika. Sie merke jetzt häufiger, wenn ihre Schulter sich hochzieht — beim Zähneputzen, vor einer Sitzung, im Auto. Dann halte sie kurz inne, nehme die Erschöpfung wahr und erkenne sie an. Und dann trete sie bewusst einen Schritt zurück — statt einfach weiterzumachen wie sonst.
Die kleine Lücke zwischen dir und dem Weitermachen
Was sich bei Annika verändert hat, ist nicht der Tag selbst. Die Mails kommen weiter so, wie sie immer kamen. Die Sitzungen sind noch da. Das, was anders ist, sitzt eine Schicht tiefer: Sie hat eine kleine Lücke zwischen sich und dem Weitermachen aufgemacht. Sie sieht, was sie Tag für Tag übergangen hat — und sie hat sich entschieden, es nicht mehr zu übergehen.
Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Weniger zu arbeiten kann helfen, ein anderes Leben zu führen auch. Aber das, was zuerst kommt, ist etwas anderes: dass du wahrnimmst, was bisher in dir Tag für Tag keinen Platz bekommen hat.
Wenn du dich darin wiedererkennst …
Vielleicht spürst du beim Lesen, dass auch du etwas in dir nicht zulässt, damit alles weiterläuft. Eine Erschöpfung, vielleicht, die du längst kennst.
In einer kostenfreien Probelesung schaue ich gemeinsam mit dir, was sich im morphischen Feld dazu zeigt — was sich bisher nicht zeigen durfte und was sich darunter verbirgt. Manchmal genügt schon dieser eine Blick.
Du musst nichts mitbringen außer der Bereitschaft, hinzusehen.
Hier für dich: eine einfache Willenserklärungen zum selbst sprechen
Was Annika hier erlebt hat, ist ihre individuelle Willenserklärung — aus dem morphischen Feld entstanden, auf das zugeschnitten, was sich bei ihr zeigte. Du kannst eine einfachere Form für dich selbst sprechen. Sie ist nicht weniger wirksam, sie ist ein anderer Zugang zum selben Prinzip: eine Entscheidung in Sprache.
Bevor du sprichst, spür einen Moment in dich hinein — wo sitzt das Thema in dir, im Brustkorb, im Hals, in den Schultern? Sprich dann die folgenden Sätze laut oder leise für dich, langsam, in deinem eigenen Tempo. Bleib dabei in deinem Körper. Nach dem letzten Satz atme tief aus und spür noch einmal hinein.
Vielleicht klingt der Satz vom dankbaren Annehmen erst widersprüchlich. Lass dich davon nicht aufhalten — er meint nicht, dass dir die Erschöpfung gefällt. Er meint, dass du sie als das anerkennst, was sie war: ein langer, leiser Dienst.
Ich sehe und spüre meine Erschöpfung, die sich nicht zeigen soll, damit alles wie immer weiterläuft … und ich bin bereit, hinzusehen.
Ich würdige meine Erschöpfung, die sich nicht zeigen soll, damit alles wie immer weiterläuft … und ich lasse diese Empfindungen zu.
Ich nehme meine Erschöpfung, die sich nicht zeigen soll, damit alles wie immer weiterläuft, dankbar an … und ich bin gleichzeitig in Liebe mit mir … und ich verzeihe mir … und ich bin nachsichtig mit mir.
Und ich übergebe meine Erschöpfung, die sich nicht zeigen soll, damit alles wie immer weiterläuft, an mein liebendes Herz, zur Heilung und Transformation.
Hier und jetzt entlasse ich mich aus dieser Erschöpfung. Jetzt.
Liebe alte Erschöpfung — ich sehe dich und ich würdige dich. Du hast mich lange begleitet und mir Halt gegeben. Dafür danke ich dir von ganzem Herzen. Nun habe ich erkannt, dass ich dich nicht mehr brauche und mich für einen neuen Weg entschieden. Deswegen entlasse ich dich wieder aus der Rolle, die ich dir zugeteilt hatte. Du bist nun frei von mir und ich bin frei von dir. Du kannst nun gehen. Jetzt. Danke.
Franks Gedanken dazu
Wenn ich Menschen wie Annika begleite, fällt mir immer wieder dieser Punkt auf. Eine Einsicht allein verändert noch nichts. Das Wissen war ja längst da. Was sich verändert, ist der Moment, in dem etwas in Sprache gefasst wird — und damit ist es nicht mehr nur ein Gedanke, sondern eine Entscheidung. Annika hat in dieser einen Stunde nicht ihr Leben verändert. Sie hat etwas anerkannt, was sie lange unten gehalten hat. Manchmal ist genau das der Anfang, an dem etwas zu fließen beginnt, das vorher fest war.
Drei Fragen, die ich dir gerne mitgeben möchte:
Was hast du über deine eigene Beziehung zu Erschöpfung und Funktionieren erkannt?
Was lernst du darüber, was in dir Tag für Tag unten bleiben muss, damit alles weiterläuft — und was du stattdessen anerkennen darfst?
Welcher neue Umgang mit dem, was du in dir wahrnimmst, wird dadurch möglich?
Liebe Grüße, Frank
Was vielleicht noch in dir nachklingt …
Ist das nicht einfach nur Stress, der mal nachlässt, wenn ich Urlaub mache?
Stress lässt nach, wenn du dich erholst. Was bei Annika passiert war, lässt nicht nach — der Urlaub hilft kurz, und sobald du zurück bist, ist die Schulter wieder oben. Das ist kein Stress mehr. Das ist ein Muster, das in dir wohnt und einen Auftrag hat, dass es so bleibt.
Ist das nicht so was Ähnliches wie Autosuggestion? Ich rede mir doch nur ein, dass ich anders fühle.
Bei Autosuggestion redest du dir etwas ein, das du nicht hast. Bei einer Willenserklärung sprichst du etwas aus, das im Feld bereits sichtbar geworden ist. Der Unterschied ist groß. Die Erschöpfung war bei Annika real. Sie war seit Monaten da. Wir haben sie sichtbar gemacht und ihr einen Auftrag zurückgegeben, den Annika ihr selbst einmal gegeben hatte. Das ist keine Einbildung. Das ist eine Entscheidung in Sprache.
Was verändert sich konkret, nachdem ich eine solche Willenserklärung gesprochen habe?
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manchmal merkst du es sofort, wie Annika, an einer Stelle im Körper, die ruhiger wird. Oft kommt die spürbare Veränderung in den Tagen danach: Du merkst, dass du anders reagierst auf Situationen, in denen du sonst automatisch funktioniert hättest. Was sich tatsächlich verschiebt, ist deine Beziehung zu dem, was du in dir lange übergangen hast. Es bekommt einen Platz.
Einmal pro Woche ein neuer Weg in die Leichtigkeit — direkt in dein Postfach
Wenn dich Annikas Geschichte berührt hat, lade ich dich ein: Ich schicke dir jeden Sonntagmorgen eine neue Geschichte aus meiner Arbeit mit dem morphischen Feld — als kleiner Impuls für den Tag, mit einer einfachen Willenserklärung zum Sprechen und drei Fragen zum Nachspüren. Jederzeit wieder abbestellbar.
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